Testbericht zum KTM eBike eCross

Anfang August war es soweit. Ich durfte endlich auch ein eBike von Wien Energie im Rahmen des eBikeTests probehalber für eine Woche in Empfang nehmen. Und weil ich ja nicht nur für mich, sondern für euch getestet habe, hier mein Fazit:

Schwer ist es! Schnell ist es! Langsam ist es! Unpraktisch ist es! Teuer ist es! Unterstützend ist es! Ausdauernd ist es! Unausgegoren ist es!

Ja, was denn also? Bevor ich ins Detail gehe, kurz vorab meiner Rad-Vorgeschichte:

Ich habe keinen Lift und trage mein Rad sowohl in Wohnung als auch Büro über die Stiegen hinauf/hinunter.  Ich bin bekennender Rennrad-Schönwetter-Fahrer. Heißt: Ja, es ist unnötig, dass ich ein Rennrad habe, aber ich liebe mein Felt F75 einfach. Es ist leicht. Es ist genau so viel, dass es nicht zu wenig ist. Es ist unbequem. Und man fühlt sich wie Lance Armstrong - nur ohne den Aufputschmitteln im Blut.

Zurück zum eBike. Es ist ...

Schwer:

Ich hatte mir vorgenommen, dass ich an meiner Fahrrad-Nutzung nichts ändere. Das heißt auch, dass ich mein Rad täglich schleppe. Angekettet/Angelehnt wird bei mir nicht. Das hat Gründe wie zum Beispiel diesen hier. Somit wurde auch bei Kundenterminen (während der Arbeitszeit) das, in diesem Fall, sehr schwere Rad, mit in den 2. Altbaustock genommen. Wie viele Kilogramm das Rad nun konkret hat, weiß ich nicht. (~ 22 kg?) Allerdings weiß ich: Das, was man sich an Schweiß während der Fahrt spart, holt einem spätestens im Stiegenhaus wieder ein. Für ältere/schwache Personen ist es definitiv unmöglich das Rad zu tragen. Rennrad vs. eBike: 1:0

Schnell:

Es gab keinen anderen Radfahrer im Testalltag, der an einer Ampel eine Chance gegen das KTM-Bike hatte. In der Beschleunigung ist es somit unschlagbar. Bonus: Vergesst Gänge. Ich habe, bis auf die Bergetappe, kein einziges Mal geschalten. Zumindest mechanisch. Das ist einfach nicht nötig. Schnell mal am Bord-Computer eine Stufe rauf/runtergeschalten - Boom! Ich frage mich, warum eBikes überhaupt Gänge haben. Rennrad vs. eBike: 1:1

Langsam:

Ich nenne den auftretenden Effekt das "Turbo-Loch". Hat man nach ca. 2-3 Sekunden Beschleunigungsphase 25,7 km/h erreicht, ist es aus mit dem Spaß. Ab hier wird der Motor aufgrund geltender Gesetzeslage gedrosselt/abgeschalten. Übrig bleibt lediglich ein extrem schweres Fahrrad. Die Freude, das man an jedem Radfahrer an der Ampel vorbeidüst ist dann schnell verflogen. Ambitionierte Radfahrer haben innerhalb weniger weiteren Sekunden sehr schnell wieder aufgeschlossen. Das ist schade und nervt. Denn, egal wie stark man in die Pedale trifft, viel schneller als 25 km/h wird man einfach nicht mehr. Was so viel heißt wie: Ist man ein Rennrad und dessen (Überland-)Geschwindigkeiten gewohnt, ist man mit dem eBike auf längeren geraden Strecken sehr schnell frustriert. Rennrad vs. eBike: 2:1

Unpraktisch:

Ich habe mich also, gemeinsam mit ein paar Freunden, gefragt, was jetzt nun das ideale Anwendungsszenario für das Pedelec wäre. Übrig bleibt, in meinen Augen, eigentlich nur folgende (kleine) Zielgruppe: Mann/Frau, etwas gehobeneres Alter, Wohnung im Erdgeschoss, Arbeit im Erdgeschoss, Groß-Lift-Habende, Städtefan, Radfan, Selbst-Tret-Muffel. Die Zielgruppe ist imho noch kleiner als die der Rennrad-Fahrer/innen. Somit: Rennrad vs. eBike: 3:1 Und, was die Zielgruppe noch einmal stark einschränkt, ist der Preis, denn:

Teuer:

Knapp 2000 EUR kostet aktuell das KTM eCross auf geizhals.at im KTM-Shop. Abzüglich etwaiger Förderungen bleibt da natürlich immer noch ein recht großer Restbetrag übrig, der eventuell auch gut in mehrere, Zweit-, Dritträder bzw. passende Zweit-/Dritt-T-Shirts investiert ist. Meiner Meinung nach ist hier das Preis/Leistungsverhältnis noch nicht erreicht, dass das Produkt massentauglich ist. (Dieser Kritikpunkt gilt natürlich nicht nur für das getestete KTM Bike). Selbst mein Rennrad hat nur die Hälfte gekostet. DH: Rennrad vs. eBike: 4:1

Unterstützend:

Dennoch erinnere ich mich gerne an einzelne Passagen zurück, wo man ohne der Hilfe des Akkus nicht weit kommen würde. Da ich das KTM eCross, seines Zeichens ja tendenziell für Bergankünfte/-abfahrten geeignet, getestet habe, war es mir wichtig, auch hier gesondert die Bergfähigkeiten zu testen. So war mein Ausflug auf den Kahlenberg (über die eiserne Hand, angeblich eine wirklich harte Mountainbiker-Strecke) fast ohne große Probleme zu meistern. Und das, obwohl ich krankheitsbedingt Wochen davor weder Rad gefahren bin, noch Laufen war. Es war teilweise mühsam, letztlich bin ich jedoch mit dem eBike tatsächlich den Berg hinaufgekommen.  Fazit der Abfahrt: Lieber nicht über allzu viele Steine/Wurzeln - man möchte ja doch nicht, dass das Bike, bzw. der Akku kaputt gehen. Rennrad (in dem Fall Null Chance am Berg) vs. eBike: 4:2

Ausdauernd:

Ja, eine Akkuladung hält angeblich 100 KM. Bestätigen kann ich das nicht. Ich bin zwar insgesamt 110 KM unterwegs gewesen, wollte jedoch den Akku vor meiner Bergfahrt unbedingt auf 100% bringen. Somit war mir ein Langzeittest nicht möglich. Die angegebenen 2h Aufladezeit kann ich jedoch nicht bestätigen. Ich habe nach 2,75h abgebrochen und hatte nur rund 90% Akkuleistung zur Verfügung. (Ausgangsbasis ca. 50%). Rennrad vs. eBike: 4:3 (Objektiv betrachtet könnte man sagen: Otto Normalverbraucher kommt mit dem eBike sicher weiter, als mit einem Rennrad.)

Unausgegoren:

Nicht Fleisch, nicht Fisch. Und das Bike ist teuer. Meine Erwartungen vor dem Test waren sehr groß. Leider konnte das eBike nicht alle Erwartungen erfüllen.

Das Ergebnis meines Tests:

Die erste Fahrt macht Spaß, man freut sich über jede rote Ampel (und dem dazugehörigen Beschleunigungsrennen danach), aber die Negativpunkte (> 25 km/h defacto schwer möglich, Angst um die Technik an Bord bei Talfahrten) machen das Bike für einen sportlich- und schnellen Radfahrer unbrauchbar.

Positiv ist jedoch, dass es a) Alternativen wie eBikes gibt (ihre Zeit wird kommen, wenn Preis-/Leistung und Gewicht stimmen), b) Firmen wie Wien Energie über moderne Mobilität nachdenken und den dafür notwendigen Blick über den Tellerrand wagen. Es ist an der Zeit, dass heutige Mobilitätskonzepte wie das Auto überdacht werden, um neue Lösungen für (innerstädtischen) Verkehr zu schaffen. Jeder Versuch ist ein guter Versuch. Gemeinsam liegt hier noch viel vor uns.

Danke, Wien Energie, für die Möglichkeit, dass ich das Rad testen durfte.

PS: Meine Videos im Rahmen des Tests haben einen eigenen Blog-Post spendiert bekommen. Siehe hier.

PPS: Der Test Rennrad gegen eCross-Bike ist natürlich nicht in allen Belangen repräsentativ. Falls jemand andere Meinungen oder ergänzende Eindrücke zum Thema hat: Gerne unten kommentieren! Ich freu mich auf Diskussionen.

PPPS: Auch einige meiner Mittester/innen haben bereits ihre Eindrücke festgehalten: