Privacy, Gedankenlesen und meine Diplomarbeit

Die soziale Welt war gestern im Aufruhr. Wieder einmal. Was war geschehen? Lt. dem amerikanischen Tech-Blog TechCrunch gab es auf Facebook eine massive Datenlücke. Wieder einmal. Private Nachrichten aus 2009 waren plötzlich öffentlich für jedermann zugänglich. Die Entrüstung war groß. Die Medien berichteten. Tags drauf, wurde ich in vielerlei Hinsicht an meine Diplomarbeit, die einige Jahre am Buckel hat, erinnert. Und ein Video hat dieses Bild noch einmal verdeutlicht.

2008, als Newsfeeds, Live Ticker, oder Timelines noch lange nicht das Licht der Welt erblickt haben, wagte ich einen Ausblick in die Zukunft sozialer Netzwerke. Er schien (und scheint heute noch) etwas düster. Ich schrieb in etwa:

Die erste Generation bei etwas zu sein, ist jedoch auch immer mit gewissen Problemen behaftet. Der „gesunde Umgang“ mit dem neuen Medium fehlt. [...] Der Trend des Publizierens wird deswegen so lange steigen, bis sich Missbrauchsfälle häufen. [...] Die Selbstregulierung der veröffentlichten Daten in Social Communities wird definitiv stattfinden. (vgl. das Kapitel "Ausblick" in meiner Diplomarbeit zum Thema Datenschutz und Informationssicherheit in Social Communities.)
Schmunzeln musste ich heute, als ich erfuhr, dass der gestern groß angekündigte Daten-Gau schlichtweg nicht existierte. Alle angesprochenen, angeblichen privaten, Nachrichten waren seit jeher öffentlich zugänglich. Angeblich handelte es sich in jedem der geprüften Fälle um öffentlich publizierte Pinnwand-Einträge. Sie wurden schlichtweg mit privaten Nachrichten verwechselt. Erst die Einführung der Facebook Timeline und das einhergehende einfachere Auffinden der zurückliegenden Informationen, hat wieder einmal zu Tage gebracht, was ich schon vor einigen Jahren vermutete: Der gesunde Umgang mit dem Medium fehlt. Fast niemand ist sich seiner Handlungen bewußt. Zu kompliziert, zu undurchsichtig sind die sozialen Netzwerke. Entweder zu schnell gewachsen, oder zu sehr auf die (gezielte) Verwirrung der Benutzer ausgelegt: Im Datenschutz-Dschungel kennt man sich schnell schon mal nicht aus. Da überrascht nicht, dass auch einige der klügsten Entwickler-Kollegen in Foren gepostet haben, dass auch sie von dieser Lücke betroffen sein.

59% der aktuell 900 Millionen Facebook-Benutzer geben an, das sie wenig bis gar kein Vertrauen in die Privatsphäre im sozialen Netzwerk haben. Alarmierend. Einerseits: 59%! Andererseits: Jeder shared, liked, kommentiert. Das erinnert in etwa an diejenigen iPhone Käufer, die sich über die Missstände bei den Zulieferern beschweren, aber dennoch eifrig für immer neue Absatzrekorde sorgen.

Wohin führt uns das also alles? Bevor ich hier zu sentimental, düster, oder unglücklich werde, schließe ich mit einem weiteren Satz aus meiner Diplomarbeit:

Privatsphäre ist ein Luxus, der auch noch nach der Benutzung von Social Communities, existieren sollte. (vgl. das Kapitel "Diskussion" in meiner Diplomarbeit zum Thema Datenschutz und Informationssicherheit in Social Communities.)
Prinzipiell überlasse ich jedem selbst, wie er in sozialen Netzwerken interagiert. Nachdenken sollte aber trotzdem. Finde ich. Dass das gut, wichtig und richtig ist, könnte ev. folgendes Video besser zeigen, als ich das in weiteren 452 Wörtern schreiben könnte:

Danke an @weiserjo für den Video-Hinweis!