Mit kleinen Schritten die Welt verbessern.

Mein Tag war anstrengend. Beinahe hätte ich meinen kompletten Schlüsselbund verloren. Nichtsdestotrotz ertappe ich mich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder dabei, dass ich mit einem sehr positiven Gefühl unterwegs bin. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und habe einige Grundregeln gesammelt: Everything's positive. Everything happens for good reason. Everyone can make a difference. And last but not least: Be nice to everybody. Und genau aus diesem Grund lernte ich heute Letschi kennen.

Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ich mir dachte, welche verrückten Leute wieder mal in der U6 unterwegs sind, muss es wohl passiert sein. Ein Mann verließ die U-Bahn und hatte seine Brieftasche vergessen. Auf dieses Fundstück wurde ich dann 2 U-Bahn-Stationen später aufmerksam. Und ich überlegte mir: Wer würde sich diese wohl als erster schnappen. Letztlich schnappte sie sich niemand und so fasste ich mir ein Herz und nahm die ganze Sache selbst in die Hand. Ich überlegte, was wohl die sinnvollste Herangehensweise an das Thema "verlorene Geldbörse" sei. Ich dachte ich mir: Am Schalter der Wiener Linien abgeben. Nun, dieser hatte bereits zu. Nächster Gedanke: Bei der Stationsüberwachung abgeben. Nun, dieser Mitarbeiter war gerade unterwegs und es war niemand anzutreffen. Deswegen blieb mir nichts übrig, und ich musste die Geldbörse mit nach Hause nehmen. Am Weg dorthin warf ich einen vorsichtigen Blick hinein und fand viele Kundenkarten und einen 100 EUR Schein. Obwohl sich dieser mind. genauso wohl in meinem Geldbörsel gefühlt hätte, lies ich ihn an seinem Platz. "Wer weiß, wofür der noch gut ist".

Zuhause angekommen versuchte ich meine Kenntnisse über Social Networks zu meinem, respektive dem Vorteil von Letschi zu machen. Letschi A. so stand auf mehreren Kundenkarten geschrieben. Ich ging fest davon aus, dass entweder Facebook oder Google einen Treffer zu dessen Namen ausspucken würde. Niente! Weder Facebook, noch Google, noch Herold fanden unter dem vollen Namen einen Eintrag. Und auch nicht zu Medna V., dem Frauennamen, den ich ebenfalls auf einigen Kundenkarten fand. Ich war überrascht. Mein Software-Entwickler-Alter-Ego war am Ende seiner Fähigkeiten angelangt. Nun kam der Marketing-Alter-Ego zum Vorschein. Schwups alle Kundenkarten hergenommen und die Hotlines dazu angerufen. Ich war erstens über die Fülle an Kundenkarten, zweitens über die Fülle an Hotlines zu Kundenkarten und drittens über die Fülle an Hotlines zu Kundenkarten überrascht, die samstags um 17:45 Uhr noch erreichbar waren. Billa sehr freundlich, aber keine Telefonnummer zur Karte hinterlegt. Bipa an Freundlichkeit nicht zu überbieten, aber keine Telefonnummer zur Karte hinterlegt. Dennoch ein wenig Bauchbepinselei abgeholt (O-Ton Service-Mitarbeiterin: "Es sollte mehr Personen wie Sie geben, die sich so viel Mühe machen, um die Person ausfindig zu machen, der die Brieftasche gehört."). Betten u Vorhang Reiter mittelmäßig freundlich, aber keine Telefonnummer zur Karte hinterlegt. Penny Serviceline: Nicht erreichbar. Die Arbeitsstelle: Nicht erreichbar. Die MA40 Servicehotline (auch hiervon war eine Karte („Mobilpass“): nicht erreichbar.

[caption id="attachment181" align="aligncenter" width="640" caption="Das offene Portemonnaie von Letschi und keine Treffer zu seinem Namen auf Google."]<img src="http://johannes.nagl.name/wp-content/uploads/2011/06/picplz2011062500002747825original-640x480.jpg" alt="" title="Das offene Portemonnaie von Letschi" width="640" height="480" class="size-medium wp-image-181" />[/caption]

Schön langsam verzweifelte ich. Ich verzweifelte, weil ich Letschi durch seine Kundenkarten immer besser kennenlernte; er sich immer mehr zu einer Person formte, aber ich ihn nicht erreichen konnte. Nun kam ich an einen Punkt, an dem jegliche Privatsphäre der Brieftasche beiseite geschoben wurde. Ich las auch einige zusammengefaltete Zettel, meist mit irgendwelchen Hinweisen auf Medikamenten, bis ich am allerletzten Zettel eine Adresse fand. Es war ein Auszug des Melderegisters, oder so etwas in der Art, den Asylanten anscheinend bei sich führen müssen. Auf diesem waren zwei Hauptwohnsitze hinterlegt. Und einer lag direkt an der U6. Also packte ich meine sieben Sachen, respektive seine sieben Kundenkarten zusammen und machte mich auf den Weg. Vor dem Haus angekommen las ich auf dem Türschild "Diakonie, Flüchtlingshilfe". Das war der Moment, wo ich zum ersten Mal wußte, dass der 100 EUR Schein besser in der gefundenen Brieftasche aufgehoben war, als in meiner. Der zweite Moment folgte, als sich die Wohnungstüre öffnete, und Medna, die Ehefrau von Letschi und die Tochter der beiden, vor mir standen. Und ich Teile ihrer Wohnung sah. Sie konnten wenig deutsch - dennoch war sofort zu erkennen wie froh sie waren, als sie die Brieftasche sahen. In gebrochenem Deutsch fragte mich Medna, ob ich dafür Geld wolle - eigentlich eine perverse Fragestellung. Ich bedankte mich vielmals für ihr Angebot und verabschiedete mich.

Und nun? Leere. Ich hatte gehofft, dass sich ein positives Gefühl einstellen würde, wenn ich die Geldbörse abliefern würde. Aber dieses Gefühl kam nicht. Ich ging zurück zur U-Bahn-Station. Beim Eingang sah ich ihn: Letschi. Unverkennbar. Er sah genau so wie auf der Mitarbeiter-Ausweiskarte seiner Firma aus. Er hatte sogar das gleiche T-Shirt an. Gleiche Frisur. Gleicher Blick. Ich ging auf ihn zu und sagte ihm, dass ich seine Brieftasche gerade seiner Frau überreicht hatte. Auch er bedankte sich in gebrochenem Deutsch und wußte gar nicht, was er mehr als ein "Danke" sagen könnte. Er brauchte gar nicht mehr zu sagen. Das positive Gefühl trat sofort ein. Beide waren wir glücklich.

Die Geschichte nahm also für alle beteiligten ein Happy-End. Doch halt, sie geht noch weiter: Als ich zurück kam, stand das Haus, in dem sich meine Wohnung befand in Flammen. Und ich dachte mir: "Puh, da hast du noch mal Glück gehabt. Menschlichkeit zahlt sich eben aus. Alles passiert aus einem Grund." STOP - das wäre das kitschige Ende in einem Hollywood-Streifen. Gelebte Menschlichkeit benötigt kein kitschiges Ende. Wien ist, im Gegensatz zu Hollywood, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Und Wien soll auch so bleiben. Für jeden von uns. Deswegen: Nicht raunzen, zusammen die Welt verbessern. Mit kleinen Schritten.